Apr 162011
 

Am 16.04.2011 fand in Düsseldorf ein Diskussionsnachmittag unter dem Motto “Datenschutz vs. Post-Privacy” statt, den die Piraten Düsseldorf ausgerichtet hatten. Wie man dem Link entnehmen kann gab es drei Referenten: Jochim Selzer (@jselzer), Michael Seemann (@mspro) und mich.

Jochim hielt zum Auftakt einen Vortrag über Datenschutz, und wie er die chronologische Entwicklung der Post-Privacy-Bewegung bis hin zur @Spackeria miterlebt hat, und wo er den Konflikt zwischen Spackeria und dem Datenschutz verortet. Ich fand ihn sehr gelungen und sehr treffend, und Jochim sprach viele Dinge an die ich in meinem Vortrag, der den Abschluss bildete, nochmal weitergehend beleuchten konnte. Er versetzte mich allerdings auch in die schwierige  Situation vieles wiederholen zu müssen, da ich ansonsten 70% meines Vortrages hätte streichen können.

Michael bot uns die schöne Gelegenheit sein Panel von der re:publica 2011 zu sehen ohne uns dafür allzu weit bewegen zu müssen, und ich fand ihn sehr sehenswert, ich teile Fefes Meinung da nicht. Was sicherlich sehr überraschend ist, da ich ja vehementer Datenschutzverfechter bin: Ich teile Michaels Analyse an vielen Stellen und kann seine Meinung gut nachvollziehen, allein, ich kann die Schlußfolgerung nicht teilen. Die “Spackeria” bezieht sich in vielen Punkten argumentativ auf diesen “Kontrollverlust” und er ist gewissermassen ein Teil des theoretisch-philosophischen Unterbaus.

Ich bildete den Abschluss der vierteiligen Vortragstrilogie, denn ich hielt gleich zwei Vorträge nacheinander. Diesen perfiden Schritt unternahm ich weil der zwar einerseits den Grundlagenvortrag des AK Datenschutz NRW vorstellen wollte, weswegen ich eingeladen war, aber natürlich meine eigene Sicht der Dinge äussern wollte. Die ursprüngliche Idee das in einen Vortrag zu verwandeln verwarf ich schnell, da ich eine strikte Trennung zwischen dem AK und meiner persönlichen Meinung haben wollte. Mein persönlicher Zusatzvortrag findet sich hier (OpenOffice.org Impress) bzw. hier (PDF). Ich denke auch daß meine Position recht klar aus den beiden Vorträgen hervorgeht, möchte sie also hier nicht in jedem Detail wiederholen.

Achtung! Der verlinkte Vortrag des AK Datenschutz NRW ist nicht zu 100% der den ich gehalten habe. Er unterscheidet sich nur minimal, da ich ihn leicht überarbeitet hatte. Ich warte noch auf Rückmeldung ob meine Überarbeitung Anklang findet, vorher lege ich die neue Version nicht ins Wiki. Inhaltlich ist es jedoch identisch, von fehlenden Vortragsnotizen abgesehen.

Im Anschluss an die Vorträge entspann sich eine von manchem Telnehmer mit viel Leidenschaft geführte Diskussion, aus der ich mich möglichst ausnahm, da ich ja bereits ein gutes Forum hatte um meine Meinung zu äussern. Zudem gab es mehrere Dinge für die dort einfach der Platz fehlte, und zu denen ich mich hier in längerer Form äussern möchte.

Das Recht auf Lügen

Diese von einem Diskutanten aufgebrachte These sorgte für Zündstoff und auch heftige Reaktionen, teilweise wurde ihm Skrupelosigkeit untestellt, oder Leute gruselten sich. Die Aussage daß Post-Privacy gegen dieses Prinzip verstoße und somit die Menschenrechte verletze fand ich unpassend, halte sie jedoch für eine bewusste rhetorische Überspitzung.

Wobei, so ganz weit hergeholt fand ich das nicht. Das Recht zu lügen existiert, und ich halte es für essentiell und es leitet sich für mich auch aus der Menschenwürde ab, und gehört zu meiner freien Entfaltung. Um das vorweg zu schicken: Ich darf lügen, aber sollte  aus dieser Lüge Schaden entstehen sollte und kann ich dafür haftbar gemacht werden, und in schwereren Fällen ist es Betrug. Aber um diese Art Lügen ging es auch nicht bei der Wortmeldung.

Man mag es nennen wie man will, Recht auf Lüge wurde es an dem Abend genannt, und ich nenne es hier weiterhin so. Und ja, dieses Recht gibt es, oder andersherum: Niemand hat ein Anrecht darauf daß ich ihm alles sage, und insbesondere daß meine Aussagen der Wahrheit entsprechen. Es gibt gewisse juristische Pfade bei denen das Anrecht eingeräumt wird, wie z.B. beim Eid. Wenn ich einen Eid leiste bin ich verpflichtet diesem Folge zu leisten, z.B. vor Gericht die Wahrheit zu sagen. Abseits davon: “Die Gedanken sind frei”, die Aussagen die ich tätige ebenso.

Und das ist auch gut so! Ich gebe es hier an dieser Stelle offen zu: Ich lüge. Ständig. Eigentlich fast jeden Tag mehrfach. Es können die einfachen Sachen sein wie dem nervigen Nachbarn einen schönen Tag zu wünschen, um des lieben Friedens Willen, oder größere wie bestimmte Verhaltensweisen zu leugnen. Ich wette so geht es vielen Leuten wenn sie länger drüber nachdenken. Oftmals ist ein “Darüber will ich nicht reden” eine Bestätigung oder kommt so an, und dann lügt man und verneint eine Frage, einfach weil man nicht mit demjenigen über etwas reden möchte – und das mit vollem Recht.

Jeder Mensch hat verschiedene Zonen/Distanzen, körperliche werden von der Proxemik untersucht, und in Öffentliche, Soziale,  Persönliche und Intimdistanz unterteilt und auf bestimmte Entfernungsrichtwerte festgelegt. Meiner Erfahrung nach gibt es diese oder ähnliche Zonen/Sphären auch in der Psyche der Menschen (*), wie die Öffentlichkeit, die Privatsphäre und die Intimsphäre. Wie auch in der Proxemik gibt es Unterschiede je nach Kultur, aber auch je nach Mensch. Manche Leute lassen mehr Leute nah an sich heran, physisch oder geistig, als andere. Manche haben nur zwei Zonen, manche vier die sie unterscheiden. Japaner haben z.B. noch viel mehr kulturtechnisch festgelegte Kreise. Da ist z.B. die Familie oder die Firma jeweils ein (innerer) Kreis (uchi benannt), und jeder der nicht in diesem Kreis ist ist ein gaijin und nicht befugt Fragen darüber zu stellen. Sicher löst sich das dort langsam auf, aber es soll auch nur ein Beispiel sein.

(*) Ich bin kein Psychologe, man möge mich korrigieren wenn ich Unsinn rede

Es ist eine klassische Sache, wenn jemand sich in unsere Intimdistanz stellt wird das meist als Herausforderung verstanden. Das kann negativ sein: Wenn ich jemanden einschüchtern will trete ich direkt vor ihn und mache mich so groß und breit wie möglich, verletze seine Intimdistanz und versperre ihm die sichtbaren Fluchtmöglichkeiten so gut es geht, es bahnt sich ein Gewaltkonflikt an. Oder auch positiv: Ein für mich attraktiver Mensch begibt sich in meine Intimdistanz und plötzlich fängt es an zu kribbeln, eine sexuelle Herausforderung entsteht. Das klappt allerdings meist nur dann wirklich wenn schon eine gewisse Sympathie besteht, intuitiv wissen das die meisten Leute, daher steigert sich die körperliche Nähe bei einem Flirt langsam.

Psychisch ist das nicht viel anders. Angenommen verschiedene Leute stellen uns dieselbe Frage – was passiert? Bei beliebig oberflächlichen Fragen nicht viel, aber was ist wenn jemand mit einer Frage unsere Intimzone verletzt? Als Beispiel möchte ich ein Extrem anführen wie Sexphantasien mit einem nahen Familienangehörigen, oder tatsächlich vollzogener Verkehr. Wie reagiert man darauf, wenn man sowas aus heiterem Himmel gefragt wird? Man weiß daß es gesellschaftlich geächtet ist, und daß ein “Darüber will ich nicht reden” vermutlich als “Ja” verstanden wird, schliesslich ist die Annahme daß man es sonst verneinen würde.

Das aber nicht genug. Bitte einmal in diese Situation versetzen und vorstellen wie die Antwort wäre wenn verschiedene Leute fragen: Passant, Partybekanntschaft, flüchtiger Bekannter, Bekannter, Freund, Lebenspartner. Natürlich kann man nun einwenden daß eine solche Frage ja meistens aus einer Situation heraus kommt die diese Frage zulässt, aber: Noch weiter drüber nachgedacht wird man feststellen daß man nicht mit allen der oben genannten Menschen überhaupt in eine Situation kommen wird die eine derartige Frage erlaubt.

Ich wette der Großteil der Menschen die das hier liest wird mehrere Schattierungen von “Ich reagiere verärgert” über “Ich lüge und verneine” bis hin zu “Ich sage die Wahrheit” durchlaufen, und zwar genau in der Reihenfolge, und vermutlich immer ehrlicher werden bis zum Lebenspartner. Und auch dem wird man das oft nur unter bestimmten Vorausetzungen sagen, und auch dann erst wenn klar ist daß diese Voraussetzungen gegeben sind.

Lügen sind oft ein Selbstschutz – oder ein Schutz des Anderen. Angenommen mein bester Freund kommt mit seiner Freundin zu mir und stellt sie mir mit Herzchen in den Augen vor, und fragt mich nachher nach meiner Meinung. Für mich ist es eine der ekelhaftesten Frauen die ich kenne, aber sollte ich ihm das wirklich sagen? Schliesslich ist er glücklich mit ihr, und das ist das was zählt. Wenn ich meinem Kumpel aber meine Meinung sage lege ich einen Schatten auf seine Beziehung, da er meine Meinung sehr schätzt. Also sage ich daß die Frau nett finde oder sage daß sie nicht mein Fall wäre, ich mich aber für ihn freute. Und natürlich ist das eine Lüge, schliesslich ist sie ja nur nicht mein Fall sondern ich finde die Frau grauenhaft. Sagen muss man das allerdings nicht.

Anmerkung dazu: Ich selbst bin in solchen Fällen schonungslos offen, man fragt mich besser nicht Dinge bei denen man nicht alle Antworten akzeptiert, und erwarte das so auch von allen Freunden.

Was und wieviel seiner Gedanken man an wen verrät liegt im eigenen Ermessen, und da sollte es auch bleiben, und ich halte Lügen für ein probates Mittel um diese zu schützen, denn im Zweifel geht es um die eigeen Grundbedürfnisse und um die eigene Würde. Wenn es mir nicht erlaubt wäre zu lügen hiesse es daß  ich in meiner Entfaltungsmöglichkeit eklatant eingeschränkt wäre.

Es ist da auch völlig egal ob andere Leute die Einschätzung teilen daß man durch mitteilen seiner Gedanken in der eigenen Würde verletzt würde – da das niemand ausser einem selbst beurteilen kann. Die eigene Würde wird dann verletzt wenn man sich entwürdigt vorkommt, nicht wenn jemand anderes meint es wäre zumutbar. Es können also viel banalere Dinge sein die ich mit Lügen schütze, das spielt keine Rolle. Das Extrembeispiel oben habe ich nur gewählt in der Hoffnung den Punkt jedem Leser klarzumachen.

Nur der Vollständigkeit halber: Es gibt natürlich auch den Fall daß man einem völlig Fremden eher beschämende  Dinge erzählt als dem Lebenspartner. Die Wahrscheinlichkeit diesen Menschen wiederzutreffen ist gering und man kann man über etwas reden worüber man sonst spricht ohne das Risiko seine Beziehung zu belasten oder zu schädigen. Das sehe ich allerdings nicht als Gegensatz, und es führt mich auch indirekt zum nächsten Thema:

Beziehungen und Intimsphäre

Ich stellte in meinem Vortrag die These auf, daß Intimsphäre für das Führen einer tiefergehenden Beziehung Voraussetzung wäre. Ich wurde gebeten diese These zu vertiefen, was ich hier gerne tun möchte.

Während ich den vorherigen Teil schrieb wurde mir klar wie nahe sich die beiden Themen sind. Es geht auch hier um das Thema Distanzen. Und es geht zum Teil auch um Ehrlichkeit – und um das Teilen von Geheimnissen. Je näher mir ein Mensch steht desto mehr meiner intimsten Gedanken teile ich, und desto mehr teilt dieser Mensch mit mir. Das können Wünsche sein, Ziele, schöne und schreckliche Erlebnisse, einfach Dinge die ich anderen Menschen nicht erzähle, weil es diese nichts angeht. Dadurch, daß z.B. meine Partnerin mehr von meinem inneren Selbst weiß kennt sie mich besser, ich fühle mich dadurch besser aufgehoben, dadurch dass ich mehr von ihr weiß wird sie mir vertrauter – und ich vertraue ihr wiederum mehr (an). Ein Geheimnis zu teilen verbindet.

Natürlich ist das alles nicht zwingend notwendig, und es gibt sicher Paare die ohne dieses können, aber es gibt gibt hier bereits ein Post-Privacy-Experiment, nur daß es sich “Stars” nennt. Da kann man schön sehen was passiert wenn Paare kaum Privatsphäre haben, und alles offengelegt wird. Die Scheidungsrate da ist bekannt. Und wie gesagt, wir reden da nur von der Privatsphäre, was das erst für die Intimsphäre heissen muss kann sich jeder selbst ausmalen.

Aber das ist nicht alles, man braucht nicht nur eine gemeinsame Intimsphäre, man braucht sie auch voreinander.  So seltsam das auch sein mag, aber was wäre denn wenn alles voreinander offenläge? Nichts womit man den Anderen überraschen kann, kein Geschenk, keine Überraschungsparty bleibt geheim, nichts was es noch zu entdecken gäbe, keine Spannung. Ja, nach vielen Jahren einer Beziehung glaubt man den Partner wie ein offenes Buch lesen zu können, und in bekannten Situationen mag das stimmen, aber kaum taucht etwas auf das vorher nicht passiert ist kann sich der Partner unerwartet verhalten, Und so muß es auch sein. Erfolgreiche Beziehungen sind die in denen die Partner nach Jahren/Jahrzehnten immernoch für eine Überraschung gut sind.

Natürlich gibt es noch mehr Faktoren die für eine Beziehung wichtig sind, aber wie soll man sich verlieben ohne Geheimnisse, ohne Neugier, ohne die kribbelnden Momente bei denen nicht klar ist was passieren wird? Ohne die bereits erwähnte Herausforderung durch Eindringen in die Intimzone, sei es körperlich oder psychisch?

Auch möchte man seinem Partner eventuell manche Dinge (noch) nicht erzählen, sei es weil das Vertrauen (noch) nicht groß genug ist, oder weil man weiß/ahnt daß eine Enthüllung die Beziehung schädigen (könnte), obwohl sie mit dem Partner selbst reichlich wenig zu tun haben. Als Beispiel sei eine erfolgte Abtreibung erwähnt, wenn der Partner selbst vehementer Abtreibungsgegner ist und Menschen verurteilt die abtreiben. Sowas muss man nicht erzählen, und kann warten bis man der Meinung ist daß die Beziehung diese Enthüllung aushält.

Da ich denke diesen beiden Themen nichts neues mehr hinzufügen zu können möchte ich abschliessend anmerken  daß ich kein Psychologe bin und alles von mir erwähnte subjektive Eindrücke sind. Ich erhebe nicht den Anspruch auf Allgemeingültigeit und gebe allein meine eigene Meinung wieder. Gegenthesen sind natürlich herzlich willkommen.

SunTsu

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