Apr 282011
 

Ahoi Piraten,

etwas geht mir schon lange im Kopf herum: Ich sehe bei vielen von Euch erste Anzeichen des Burnout-Syndroms. Um den Artikel der Wikipedia zu zitieren:

Ein Burnout-Syndrom (englisch (to) burn out: „ausbrennen“) bzw. Ausgebranntsein ist ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Es kann als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt

Das wird sicher jedem bekannt vorkommen der sich den aktuellen Zustand der Parteienkommunikation ansieht.

Aus diesem Grund möchte ich jeden bitten der ähnliches bei sich bemerkt: Nehmt Euch zurück! Ja, das meine ich ernst. Eine Partei wie die Piraten lebt vom Mitmachen, und zwar möglichst langfristig. Mit Leuten die frisch hereinkommen, dann bis zum umfallen ackern und dann plötzlich wegbrechen ist niemandem wirklich geholfen.

Bei allem Enthusiasmus:

Zieht Grenzen!

Macht nur was ihr wirklich machen wollt, und vorallem nur soviel wie ihr könnt. Wie auch im Berufsleben ist es wichtig Grenzen zu setzen, sonst geht man schnell unter und wird überfordert. Überforderung führt zu Frust und im Endeffekt auch zum Burnout.

Habt noch ein Leben neben den Piraten!

Es gibt nicht wenige Piraten die in ihrer Freizeit fast ausschliesslich von Piraten umgeben sind. Hobby? Piraten. Freunde? Piraten. Langeweile? Abhängen im dicken Engel oder sonstigen Mumble-Räumen. Ich halte das nicht für gesund. Egal wohin man schaut nur Piraten zu sehen führt für mich zu einem eingeschränkten Blickwinkel und einer Art „orangenem Elfenbeinturm“. Ausserdem gibt das unterbewussten Druck, denn es schränkt einen in der Entscheidungsfähigkeit ein – angenommen man möchte die Piraten verlassen oder Pause machen, wie sollte man das tun? Es gibt keinerlei Rückzugsort mehr, man müsste sein ganzes soziales Umfeld verlassen.

Lasst Euch nicht unter Druck setzen

Gerade in den letzten Tagen habe ich mehrfach Vorwürfe gelesen wie daß Piraten doch gefälligst ihre ganze Energie in die politische Arbeit bei den Piraten zu stecken haben. Das ist völliger Unsinn, lasst Euch da nichts erzählen. Es handelt sich um eine ehrenamtliche und somit freiwillige Arbeit, ihr entscheidet worein Ihr wieviel Energie steckt.

Andersherum gilt:

Setzt andere nicht unter Druck

Nur weil Ihr 40h in der Woche für die Piraten arbeiten könnt, können und wollen das andere nicht, und ihr habt auch keinen Anspruch darauf daß sie es tun. Akzeptiert die Grenzen Anderer. Es ist schön daß ihr die Energie dazu habt, aber macht niemandem zum Vorwurf daß sie es nicht können oder wollen.

Ja, es gibt Arbeit die gemacht werden muss, und Pflichtbewußtsein ist toll, aber das hat Grenzen. Leute das um die Ohren zu hauen was man selber tut ist unfair. Ihr macht das auch weil ihr es machen wollt.

Habt kein schlechtes Gewissen

Wenn ihr Pause macht: macht Pause. Erholt Euch, entspannt Euch, macht was ihr wollt, aber eins nicht: Habt kein schlechtes Gewissen weil ihr gerade nichts für die Piraten macht.

Denkt immer daran, die Piraten sind ein Vehikel kein Selbstzweck. Wir haben Ziele die wir erreichen wollen, aber dabei dürfen wir keine menschlichen Ruinen hinterlassen.

Apr 162011
 

Am 16.04.2011 fand in Düsseldorf ein Diskussionsnachmittag unter dem Motto „Datenschutz vs. Post-Privacy“ statt, den die Piraten Düsseldorf ausgerichtet hatten. Wie man dem Link entnehmen kann gab es drei Referenten: Jochim Selzer (@jselzer), Michael Seemann (@mspro) und mich.

Jochim hielt zum Auftakt einen Vortrag über Datenschutz, und wie er die chronologische Entwicklung der Post-Privacy-Bewegung bis hin zur @Spackeria miterlebt hat, und wo er den Konflikt zwischen Spackeria und dem Datenschutz verortet. Ich fand ihn sehr gelungen und sehr treffend, und Jochim sprach viele Dinge an die ich in meinem Vortrag, der den Abschluss bildete, nochmal weitergehend beleuchten konnte. Er versetzte mich allerdings auch in die schwierige  Situation vieles wiederholen zu müssen, da ich ansonsten 70% meines Vortrages hätte streichen können.

Michael bot uns die schöne Gelegenheit sein Panel von der re:publica 2011 zu sehen ohne uns dafür allzu weit bewegen zu müssen, und ich fand ihn sehr sehenswert, ich teile Fefes Meinung da nicht. Was sicherlich sehr überraschend ist, da ich ja vehementer Datenschutzverfechter bin: Ich teile Michaels Analyse an vielen Stellen und kann seine Meinung gut nachvollziehen, allein, ich kann die Schlußfolgerung nicht teilen. Die „Spackeria“ bezieht sich in vielen Punkten argumentativ auf diesen „Kontrollverlust“ und er ist gewissermassen ein Teil des theoretisch-philosophischen Unterbaus.

Ich bildete den Abschluss der vierteiligen Vortragstrilogie, denn ich hielt gleich zwei Vorträge nacheinander. Diesen perfiden Schritt unternahm ich weil der zwar einerseits den Grundlagenvortrag des AK Datenschutz NRW vorstellen wollte, weswegen ich eingeladen war, aber natürlich meine eigene Sicht der Dinge äussern wollte. Die ursprüngliche Idee das in einen Vortrag zu verwandeln verwarf ich schnell, da ich eine strikte Trennung zwischen dem AK und meiner persönlichen Meinung haben wollte. Mein persönlicher Zusatzvortrag findet sich hier (OpenOffice.org Impress) bzw. hier (PDF). Ich denke auch daß meine Position recht klar aus den beiden Vorträgen hervorgeht, möchte sie also hier nicht in jedem Detail wiederholen.

Achtung! Der verlinkte Vortrag des AK Datenschutz NRW ist nicht zu 100% der den ich gehalten habe. Er unterscheidet sich nur minimal, da ich ihn leicht überarbeitet hatte. Ich warte noch auf Rückmeldung ob meine Überarbeitung Anklang findet, vorher lege ich die neue Version nicht ins Wiki. Inhaltlich ist es jedoch identisch, von fehlenden Vortragsnotizen abgesehen.

Im Anschluss an die Vorträge entspann sich eine von manchem Telnehmer mit viel Leidenschaft geführte Diskussion, aus der ich mich möglichst ausnahm, da ich ja bereits ein gutes Forum hatte um meine Meinung zu äussern. Zudem gab es mehrere Dinge für die dort einfach der Platz fehlte, und zu denen ich mich hier in längerer Form äussern möchte.

Das Recht auf Lügen

Diese von einem Diskutanten aufgebrachte These sorgte für Zündstoff und auch heftige Reaktionen, teilweise wurde ihm Skrupelosigkeit untestellt, oder Leute gruselten sich. Die Aussage daß Post-Privacy gegen dieses Prinzip verstoße und somit die Menschenrechte verletze fand ich unpassend, halte sie jedoch für eine bewusste rhetorische Überspitzung.

Wobei, so ganz weit hergeholt fand ich das nicht. Das Recht zu lügen existiert, und ich halte es für essentiell und es leitet sich für mich auch aus der Menschenwürde ab, und gehört zu meiner freien Entfaltung. Um das vorweg zu schicken: Ich darf lügen, aber sollte  aus dieser Lüge Schaden entstehen sollte und kann ich dafür haftbar gemacht werden, und in schwereren Fällen ist es Betrug. Aber um diese Art Lügen ging es auch nicht bei der Wortmeldung.

Man mag es nennen wie man will, Recht auf Lüge wurde es an dem Abend genannt, und ich nenne es hier weiterhin so. Und ja, dieses Recht gibt es, oder andersherum: Niemand hat ein Anrecht darauf daß ich ihm alles sage, und insbesondere daß meine Aussagen der Wahrheit entsprechen. Es gibt gewisse juristische Pfade bei denen das Anrecht eingeräumt wird, wie z.B. beim Eid. Wenn ich einen Eid leiste bin ich verpflichtet diesem Folge zu leisten, z.B. vor Gericht die Wahrheit zu sagen. Abseits davon: „Die Gedanken sind frei“, die Aussagen die ich tätige ebenso.

Und das ist auch gut so! Ich gebe es hier an dieser Stelle offen zu: Ich lüge. Ständig. Eigentlich fast jeden Tag mehrfach. Es können die einfachen Sachen sein wie dem nervigen Nachbarn einen schönen Tag zu wünschen, um des lieben Friedens Willen, oder größere wie bestimmte Verhaltensweisen zu leugnen. Ich wette so geht es vielen Leuten wenn sie länger drüber nachdenken. Oftmals ist ein „Darüber will ich nicht reden“ eine Bestätigung oder kommt so an, und dann lügt man und verneint eine Frage, einfach weil man nicht mit demjenigen über etwas reden möchte – und das mit vollem Recht.

Jeder Mensch hat verschiedene Zonen/Distanzen, körperliche werden von der Proxemik untersucht, und in Öffentliche, Soziale,  Persönliche und Intimdistanz unterteilt und auf bestimmte Entfernungsrichtwerte festgelegt. Meiner Erfahrung nach gibt es diese oder ähnliche Zonen/Sphären auch in der Psyche der Menschen (*), wie die Öffentlichkeit, die Privatsphäre und die Intimsphäre. Wie auch in der Proxemik gibt es Unterschiede je nach Kultur, aber auch je nach Mensch. Manche Leute lassen mehr Leute nah an sich heran, physisch oder geistig, als andere. Manche haben nur zwei Zonen, manche vier die sie unterscheiden. Japaner haben z.B. noch viel mehr kulturtechnisch festgelegte Kreise. Da ist z.B. die Familie oder die Firma jeweils ein (innerer) Kreis (uchi benannt), und jeder der nicht in diesem Kreis ist ist ein gaijin und nicht befugt Fragen darüber zu stellen. Sicher löst sich das dort langsam auf, aber es soll auch nur ein Beispiel sein.

(*) Ich bin kein Psychologe, man möge mich korrigieren wenn ich Unsinn rede

Es ist eine klassische Sache, wenn jemand sich in unsere Intimdistanz stellt wird das meist als Herausforderung verstanden. Das kann negativ sein: Wenn ich jemanden einschüchtern will trete ich direkt vor ihn und mache mich so groß und breit wie möglich, verletze seine Intimdistanz und versperre ihm die sichtbaren Fluchtmöglichkeiten so gut es geht, es bahnt sich ein Gewaltkonflikt an. Oder auch positiv: Ein für mich attraktiver Mensch begibt sich in meine Intimdistanz und plötzlich fängt es an zu kribbeln, eine sexuelle Herausforderung entsteht. Das klappt allerdings meist nur dann wirklich wenn schon eine gewisse Sympathie besteht, intuitiv wissen das die meisten Leute, daher steigert sich die körperliche Nähe bei einem Flirt langsam.

Psychisch ist das nicht viel anders. Angenommen verschiedene Leute stellen uns dieselbe Frage – was passiert? Bei beliebig oberflächlichen Fragen nicht viel, aber was ist wenn jemand mit einer Frage unsere Intimzone verletzt? Als Beispiel möchte ich ein Extrem anführen wie Sexphantasien mit einem nahen Familienangehörigen, oder tatsächlich vollzogener Verkehr. Wie reagiert man darauf, wenn man sowas aus heiterem Himmel gefragt wird? Man weiß daß es gesellschaftlich geächtet ist, und daß ein „Darüber will ich nicht reden“ vermutlich als „Ja“ verstanden wird, schliesslich ist die Annahme daß man es sonst verneinen würde.

Das aber nicht genug. Bitte einmal in diese Situation versetzen und vorstellen wie die Antwort wäre wenn verschiedene Leute fragen: Passant, Partybekanntschaft, flüchtiger Bekannter, Bekannter, Freund, Lebenspartner. Natürlich kann man nun einwenden daß eine solche Frage ja meistens aus einer Situation heraus kommt die diese Frage zulässt, aber: Noch weiter drüber nachgedacht wird man feststellen daß man nicht mit allen der oben genannten Menschen überhaupt in eine Situation kommen wird die eine derartige Frage erlaubt.

Ich wette der Großteil der Menschen die das hier liest wird mehrere Schattierungen von „Ich reagiere verärgert“ über „Ich lüge und verneine“ bis hin zu „Ich sage die Wahrheit“ durchlaufen, und zwar genau in der Reihenfolge, und vermutlich immer ehrlicher werden bis zum Lebenspartner. Und auch dem wird man das oft nur unter bestimmten Vorausetzungen sagen, und auch dann erst wenn klar ist daß diese Voraussetzungen gegeben sind.

Lügen sind oft ein Selbstschutz – oder ein Schutz des Anderen. Angenommen mein bester Freund kommt mit seiner Freundin zu mir und stellt sie mir mit Herzchen in den Augen vor, und fragt mich nachher nach meiner Meinung. Für mich ist es eine der ekelhaftesten Frauen die ich kenne, aber sollte ich ihm das wirklich sagen? Schliesslich ist er glücklich mit ihr, und das ist das was zählt. Wenn ich meinem Kumpel aber meine Meinung sage lege ich einen Schatten auf seine Beziehung, da er meine Meinung sehr schätzt. Also sage ich daß die Frau nett finde oder sage daß sie nicht mein Fall wäre, ich mich aber für ihn freute. Und natürlich ist das eine Lüge, schliesslich ist sie ja nur nicht mein Fall sondern ich finde die Frau grauenhaft. Sagen muss man das allerdings nicht.

Anmerkung dazu: Ich selbst bin in solchen Fällen schonungslos offen, man fragt mich besser nicht Dinge bei denen man nicht alle Antworten akzeptiert, und erwarte das so auch von allen Freunden.

Was und wieviel seiner Gedanken man an wen verrät liegt im eigenen Ermessen, und da sollte es auch bleiben, und ich halte Lügen für ein probates Mittel um diese zu schützen, denn im Zweifel geht es um die eigeen Grundbedürfnisse und um die eigene Würde. Wenn es mir nicht erlaubt wäre zu lügen hiesse es daß  ich in meiner Entfaltungsmöglichkeit eklatant eingeschränkt wäre.

Es ist da auch völlig egal ob andere Leute die Einschätzung teilen daß man durch mitteilen seiner Gedanken in der eigenen Würde verletzt würde – da das niemand ausser einem selbst beurteilen kann. Die eigene Würde wird dann verletzt wenn man sich entwürdigt vorkommt, nicht wenn jemand anderes meint es wäre zumutbar. Es können also viel banalere Dinge sein die ich mit Lügen schütze, das spielt keine Rolle. Das Extrembeispiel oben habe ich nur gewählt in der Hoffnung den Punkt jedem Leser klarzumachen.

Nur der Vollständigkeit halber: Es gibt natürlich auch den Fall daß man einem völlig Fremden eher beschämende  Dinge erzählt als dem Lebenspartner. Die Wahrscheinlichkeit diesen Menschen wiederzutreffen ist gering und man kann man über etwas reden worüber man sonst spricht ohne das Risiko seine Beziehung zu belasten oder zu schädigen. Das sehe ich allerdings nicht als Gegensatz, und es führt mich auch indirekt zum nächsten Thema:

Beziehungen und Intimsphäre

Ich stellte in meinem Vortrag die These auf, daß Intimsphäre für das Führen einer tiefergehenden Beziehung Voraussetzung wäre. Ich wurde gebeten diese These zu vertiefen, was ich hier gerne tun möchte.

Während ich den vorherigen Teil schrieb wurde mir klar wie nahe sich die beiden Themen sind. Es geht auch hier um das Thema Distanzen. Und es geht zum Teil auch um Ehrlichkeit – und um das Teilen von Geheimnissen. Je näher mir ein Mensch steht desto mehr meiner intimsten Gedanken teile ich, und desto mehr teilt dieser Mensch mit mir. Das können Wünsche sein, Ziele, schöne und schreckliche Erlebnisse, einfach Dinge die ich anderen Menschen nicht erzähle, weil es diese nichts angeht. Dadurch, daß z.B. meine Partnerin mehr von meinem inneren Selbst weiß kennt sie mich besser, ich fühle mich dadurch besser aufgehoben, dadurch dass ich mehr von ihr weiß wird sie mir vertrauter – und ich vertraue ihr wiederum mehr (an). Ein Geheimnis zu teilen verbindet.

Natürlich ist das alles nicht zwingend notwendig, und es gibt sicher Paare die ohne dieses können, aber es gibt gibt hier bereits ein Post-Privacy-Experiment, nur daß es sich „Stars“ nennt. Da kann man schön sehen was passiert wenn Paare kaum Privatsphäre haben, und alles offengelegt wird. Die Scheidungsrate da ist bekannt. Und wie gesagt, wir reden da nur von der Privatsphäre, was das erst für die Intimsphäre heissen muss kann sich jeder selbst ausmalen.

Aber das ist nicht alles, man braucht nicht nur eine gemeinsame Intimsphäre, man braucht sie auch voreinander.  So seltsam das auch sein mag, aber was wäre denn wenn alles voreinander offenläge? Nichts womit man den Anderen überraschen kann, kein Geschenk, keine Überraschungsparty bleibt geheim, nichts was es noch zu entdecken gäbe, keine Spannung. Ja, nach vielen Jahren einer Beziehung glaubt man den Partner wie ein offenes Buch lesen zu können, und in bekannten Situationen mag das stimmen, aber kaum taucht etwas auf das vorher nicht passiert ist kann sich der Partner unerwartet verhalten, Und so muß es auch sein. Erfolgreiche Beziehungen sind die in denen die Partner nach Jahren/Jahrzehnten immernoch für eine Überraschung gut sind.

Natürlich gibt es noch mehr Faktoren die für eine Beziehung wichtig sind, aber wie soll man sich verlieben ohne Geheimnisse, ohne Neugier, ohne die kribbelnden Momente bei denen nicht klar ist was passieren wird? Ohne die bereits erwähnte Herausforderung durch Eindringen in die Intimzone, sei es körperlich oder psychisch?

Auch möchte man seinem Partner eventuell manche Dinge (noch) nicht erzählen, sei es weil das Vertrauen (noch) nicht groß genug ist, oder weil man weiß/ahnt daß eine Enthüllung die Beziehung schädigen (könnte), obwohl sie mit dem Partner selbst reichlich wenig zu tun haben. Als Beispiel sei eine erfolgte Abtreibung erwähnt, wenn der Partner selbst vehementer Abtreibungsgegner ist und Menschen verurteilt die abtreiben. Sowas muss man nicht erzählen, und kann warten bis man der Meinung ist daß die Beziehung diese Enthüllung aushält.

Da ich denke diesen beiden Themen nichts neues mehr hinzufügen zu können möchte ich abschliessend anmerken  daß ich kein Psychologe bin und alles von mir erwähnte subjektive Eindrücke sind. Ich erhebe nicht den Anspruch auf Allgemeingültigeit und gebe allein meine eigene Meinung wieder. Gegenthesen sind natürlich herzlich willkommen.

Feb 142011
 

Allgemeines

Die Piratenpartei, deren Mitglied ich bin, behauptet gerne die Partei der Medienkompetenz zu sein, und hat in weiten Teilen, und insbesondere im Vergleich mit den sogenannten Volksparteien, sicherlich auch Recht. Derzeit gibt es allerdings Vorkommnisse, die mich an der vielbeschworenen Kompetenz zweifeln lassen, auf die ich gerne eingehen möchte.

Ausgangssituation

Neben vielen anderen Medien vie Twitter sind Mailinglisten ein zentraler Kommunikationskanal der Piraten, für uns in NRW ganz besonders die Nordrhein-Westfalen-Mailingliste. Daß diese Mailingliste mit einem Forum und einer Newsgroup abgeglichen wird ist für diesen Fall nicht wichtig, wobei es jedoch einen Punkt schön illustriert, dazu später mehr.

Der Konflikt

Die NRW Liste wird seit einiger Zeit von einem Troll heimgesucht, jotun. Ja, ich nenne ihn einen Troll, auch auf die Gefahr hin, daß mir nun Leute wieder vorwerfen zu verharmlosen daß er zum Teil „rechtsradikales Gedankengut verbreitet“. Das tut er, keine Frage, und ich distanziere mich hiermit von dieser menschenverachtenden Denke. Nichts desto trotz erfüllt er für mich alle Merkmale eines Trolls, daher bezeichne ich ihn so. Gründe dafür nenne ich später noch weitere. Anhand dieses Trolls hat sich eine Diskussion entzündet wie mit Störern umgegangen werden soll, wozu es mittlerweile auch mehrere Initiativen im „Liquidfeedback“ (kurz LQFB) der Piratenpartei NRW gibt.

Die eine Initiative fordert keine Bans vorzunehmen: https://lqpp.de/nw/initiative/show/355.html – hierzu gab es bereits eine Diskussion in einem Pad, an der ich mich bereits beteiligt habe

Eine Gegeninitiative fordert einen Ban für Leute die bestimmtes Gedankengut verbreiten: https://lqpp.de/nw/initiative/show/357.html

Ein Ban bedeutet nichts weiter als den dauerhaften Hinausschmiss des Urhebers des Postings. Daniel Schwerd ist Unterstützer des zweiten Ansatzes und hat seine Gedanken dazu hier nierdergeschrieben: Werft sie hinaus! Warum wir Listentrolle nicht dulden sollten.,

Als Problematisch wird vorallem das rechte Gedankengut angekreidet, und man möchte es nachvollziehbarer Weise nicht auf der Liste haben, denn

  1. wir verturteilen menschenverachtende Denke
  2. sorgt es bei Betroffenen der Hetze für unwohlsein und gibt ihnen eventuell den Eindruck unerwünscht zu sein
  3. es lässt den falschen Eindruck aufkommen wir wären Sympathisanten dieser Denkweise
  4. die Funktionalität unserer Arbeitsmittel steht auf dem Spiel bei aus solchen Aussagen entstehenden Thread mit über 300 Beiträgen
  5. diese Aussagen könnten juristiziabel sein, und wir wollen keine Beihilfe leisten

Technische Gegebenheiten

Grundlagen

Um meinen Standpunkt zu verdeutlichen muss ich das Medium Mail hier genauer beleuchten, insbesondere in Hinblick auf Mailinglisten. Mailinglisten sind vom Prinzip her nur große Mailverteiler auf die ein Nutzer seine Mailadresse eintragen kann, und auch wieder entfernen. Die meisten bieten diese Möglichkeit sowohl via Web-Interface als auch per Mail, so auch der bei den Piraten gebräuchliche Mailinglistenmanager Mailman. Dieser ist so eingestellt daß er nur Mails annimmt die eine Absendeadresse tragen die bei der Mailingliste angemeldet ist. Um sich anzumelden muss man dem Mailman den Wunsch mitteilen, dieser schickt eine Mail an diese Adresse mit Instruktionen um die Mailadresse zu verifizieren. Das klingt nun erstmal nach einem sicheren Verfahren.

Nun aber zu dem Medium Mail ansich: Mails bestehen aus zwei Teilen, dem Header und dem Body, ich lege jedem die Lektüre der passenden RFCs 822 und 5322 nahe, der es genau wissen will, ansonsten tut es auch die Lektüre des Wikipedia-Artikels. Der Header enthält Verwaltungsinformationen wie Empfänger, Absender, Betreff, der Body hält die Nutzdaten, also den Mailinhalt.  Eingeliefert werden die Mails an Mailserver und somit auch die Mailingliste via SMTP (RFCs 821 bzw.  2821).

Ich zeige hier mal eine Beispiel-SMTP-Session, also Dialog zwischen Mailserver und Mailclient. Ich halte dabei den Server in Rot, den Client in Grün. Bitte nicht einfach überspringen, das ist essentiell für den Rest des Artikels.

  1. 220 mail.piratenpartei.de ESMTP Piratenpartei Deutschland Mail-System
  2. HELO client.example.test.org.
  3. 250 mail.piratenpartei.de
  4. 250 2.1.0 Ok
  5. RCPT TO: <nordrhein-westfalen@lists.piratenpartei.de>
  6. 250 2.1.5 Ok
  7. DATA
  8. 354 End data with <CR><LF>.<CR><LF>
  9. From: hannes@suntsu.org
  10. To: undisclosed
  11. Subject: Testmail
  12. Hallo zusammen,
  13. dies ist ein Test
  14. Gruss,
  15. SunTsu
  16. .
  17. 250 2.0.0 Ok: queued as E06BAA8609A
  18. QUIT
  19. 221 2.0.0 Bye

Zeilen 1-8 und 19-22stellen den SMTP-Dialog dar, ab Zeilen 9-18 sind somit die Mail ansich, wobei der Header von Zeile 9-11 geht, und 13-18 der Body der Mail sind. Diese werden durch Zeile 12, eine Leerzeile, getrennt. Was man an den Farben schön sieht: Sowohl Header als auch Body kommen vom Client, der Server macht im Normalfall eine grobe Plausibilitätsprüfung des Absenders – im SMTP-Dialog  zwischen Zeile 3 und 4. Zeile 4 sagt mir daß der als in Ordnung befunden wurde (Code „250“ Übersetzung: „OK„).

Diese Mail geht an den Mailinglistenmanager Mailman, und so sie akzeptiert wird, wird von diesem sofort an alle Mailinglistenteilnehmer via ihres Mailservers geschickt. Haben die Mails den Mailserver einmal verlassen sind sie unwiederbringlich weg, und können auch nicht zurückgerufen werden. Es gibt Clients die vorgaukeln Mails widerrrufen zu können, was aber nur eine weitere Mail bedeutet die darum bittet die vorherige Mail zu löschen, ohne verbindlichen Charakter.

Konsequenz

Diese obige Mail wäre vom Mailinglistenserver nicht auf die Mailingliste gelassen worden, mit der Begründung daß es dort keinen Teilnehmer mit der Mailadresse hannes@suntsu.org gäbe. Sicherheitsfunktion greift also. Falsch gedacht. Wie gesagt, ich habe den Inhalt der Mail völlig unter meiner Kontrolle, ich kann dort auch einen beliebigen anderen Absender eintragen – den von Barack Obama, oder eines mir bekannten Mitglieds der Mailingliste. Sobald ich also die Teilnehmer einer Mailingliste kenne bin ich in der Lage beliebig auf die Mailingliste zu schreiben ohne selbst auf dieser angemeldet zu sein. Habe ich vor zu antworten melde ich mich mit einer unverdächtigen Mailadresse an, und lese damit die Liste, reagiere jedoch nur unter falschem Absender.

Das eingangs besprochene Syncom verhält sich übrigens ähnlich, es verhält sich der Mailingliste gegenüber wie ein Mailclient der Mails von vielen verschiedenen Absendern abliefert, und seinerseits Mails an einen Newsserver bzw. ein Forum weiterreicht.

Desweiteren heisst es auch, daß es sich nicht nachträglich geradebiegen lässt wenn eine Mail mit juristiziablem oder Stimmung vergiftendem Inhalt auf der Mailingliste landet.

(pseudo)FAQ

Wozu also der beschriebene Schutz der Mailingliste, mit Bestätigungsmail? Hier haben wir schon den fundamentalen Denkfehler:  Es ist kein Schutz der Mailingliste – es ist ein Schutz der Mailempfänger. Der Aufwand dient alleine dazu zu verhindern daß jemand anderes meine Mailadresse auf die Mailingliste einträgt und mich so mit hunderten Mails pro Tag bombadieren lässt. Die Mailingliste gewinnt dadurch nicht an Sicherheit oder Verlässlichkeit.

Aber die Einstellung daß keine Externen auf die Liste posten dürfen, was ist mit der? Die ist doch dann sinnlos! Nein, das ist sie nicht. Diese Einstellung dient als Schutz gegen Spammer die ihre Absenderadressen und Mailempfänger per Zufallsgenerator erzeugen.  Gezielter Mailfälschung jedoch hat eine Mailingliste von Natur aus nichts entgegenzusetzen.

Kann ich also keiner Mail trauen? Nein, alles an einer Mail ist fälschbar. Verifizierbarkeit gibt es nur Ende zu Ende, durch die Anwendung fortgeschrittener kryptographischer Verfahren. Der Mailinhalt lässt sich via OpenPGP (in Form von GnuPG oder PGP) oder S/MIME signieren, und so lassen sich Fälschungen des Absenders oder des Inhalts erkennen, hierfür ist allerdings noch weitere Infrastruktur drumherum notwendig. Die Header lassen sich nicht signieren, da sie auf dem Weg zum Teil verändert werden müssen, einen Schutz der Mailingliste erreicht man so nicht.

Die Forderungen

Es gibt die verschiedensten Ansätze das Problem zu lösen, und verschiedenste Forderungen wie mit Störern umgegangen werden soll, ich möchte mich hier zu einigen äußern. Die nachfolgende Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Sollten mir Ansätze entgangen sein und ihr wüsstet gerne was ich davon denke, so schreibt mir doch bitte einen Kommentar dazu, ich nehme das gerne auf. Um Missverständnisse zu vermeiden: Moderation bedeutet hier nicht „schriftliche oder verbale Vermittlung zwischen Streitenden“ sondern ein Moderator bekommt die Mails zur Prüfung vorgelegt und entscheidet aufgrund eines Regelwerks ob die Mail auf die Liste gelangen darf oder nicht.

  • dauerhafter Hinausschmiss
    • Klingt wie eine einfach Lösung, wirft aber verschiedene Fragen wie z.B. nach Regeln für den Rausschmiss auf. Was aber viel wichtiger ist: Es bringt nichts. Wie Jotun schon bewiesen hat (er heisst nun Captain) ist es ein Leichtes sich immer wieder anzumelden, Freemailprovider gibt es viele, und dass eine Neuanmeldung der bekannte Troll ist, ist nicht offensichtlich. Aber nicht nur das, wie weiter oben erläutert, der Störer muss ja nicht mit seiner eigenen Mailadresse schreiben, er kann jede beliebige Adresse nehmen die auf der Liste angemeldet ist und so weiterhin seinen Schabernack treiben.
  • Moderation des auffälligen Teilnehmers
    • Fände ich eine tolle Sache, klappte aber nur wenn der Nutzer auf einen Mailaccount beschränkt wäre. Ist er aber nicht. Diese Idee lässt sich also leicht aushebeln, siehe vorheriger Punkt
  • Moderation neuer Teilnehmer
    • Lässt sich sehr schön verwenden um Ressourcen auf Seiten der Listenadministration bzw. -moderation zu binden. Der Troll meldet automatisiert (wie oben geschrieben, das Abonnieren einerMailingliste geht via mail) immer neue Teilnehmer an, der Aufwand dieser Moderation wächst immer weiter. Zudem: Wir erwischen damit nur die tatsächlich neuen Teilnehmer und schränken diese ein. Der Troll hebelt das Verfahren aus indem er unter den Adressen alteingesessener Listenteilnehmern mailt
  • Moderation der gesamten Liste
    • Ja, das würde funktionieren. Es bedeutet allerdings vorallem daß ein riesiges Moderatorenteam benötigt wird, das aus völlig vertrauenswerten Personen besteht. Es führt allerdings trotzdem zu starken Verzögerungen des Listenaustauschs, besonders zu Stoßzeiten. Durch „Spammen“ der Liste, wie im vorherigen Punkt beschrieben, lässt sich die Liste problemlos zum Stillstand bringen. Auch bedarf es einer Überprüfung der Moderation, Stichwort „Who watches the watchers“.
  • Markierung der Mails von Parteimitgliedern
    • Sehr heikel. Dazu bedarf es einer Datenbank aller von Mitgliedern verwendeten Mailadressen und Zuordnung zu einem Parteimitglied, das ist natürlich eine Forderung die eine Datenschutzpartei ablehnen muß. Ich möchte den Aufschrei nicht hören wenn das implementiert werden sollte, siehe LQFB-Diskussion. Darüber hinaus: Wie soll markiert werden? Es wäre technisch nur durch einen Mailheader realisierbar, den der Mailinglistenmanager hinzufügt. Aber was wenn der Troll diesen Header bereits selber mitschickt? Es wäre theoretisch möglich das fälschungssicher zu gestalten, das bedarf allerdings wiederum des Einsatzes von Kryptographie, und einer tiefgreifenden Änderung des Listenmanagers – und wird in dem Moment ad absurdum geführt wenn der Troll die Mailadresse eines Parteimitglieds als Absender verwendet.
  • Troll drin lassen, Stellung beziehen
    • Das halte ich für den einzig gangbaren Weg im gewählten Medium. In Kombination mit einem Disclaimer, z.B. im Mailinglisten-Footer, sicher eine gute Möglichkeit, sie bedarf allerdings einer besseren Selbstdisziplin, ich komme auf diese Forderung im Teil Medienkompetenz bzw. Fazit zurück.

Medienkompetenz

Im Allgemeinen

Medienkompetenz ist, wie der Name schon sagt die Kompetenz aktiv an Medien teilzunehmen, sie zu verstehen, ihre Anwendungsmöglichkeiten und ihre Grenzen erinzuschätzen bzw. zu begreifen, Inhalte aktiv aufzunehmen, zu hinterfragen und in Kontext zusetzen, laut Wikipedia sind das Folgende die Ziele der Medienkompetenz:

  1. Fähigkeit zur aktiven Kommunikation
  2. Kenntnis der technischen und organisatorischen Bedingungen
  3. Kompetente Rezeption

Und im Speziellen

Warum hebe ich hier auf die Medienkompetenz ab? Ich denke dass fehlende Medienkompetenz auf Seiten der Mailinglistenteilnehmern eine Teilschuld am Entstehen der Problematik zukommt. Nein, ich will keinem Unterstützung von z.B. rechtsradikalem Gedankengut anhängen, mir geht es hier um fehlendes Kompetenz in der Rezeption und daraus entstehende Defizite in der aktiven Kommunikation.

Siehe die oben festgestellten Probleme – Punkte 2 und 3 können Punkt 4 zur Folge haben. Warum? Niemand der anwesenden Piraten möchte Punkt 2 und 3 zu verantworten haben, und mehrere widersprechen daher den radilkalen Äußerungen, was wiederum andere zur Ergänzung verleitet, und dem Troll neue Nahrung gibt. Dieser diskutiert natürlich begeistert mit und jedes seiner Postings hat zur Folge daß man diese ja nicht unwidersprochen stehenlassen kann, was wiederum den Troll, usw usf, der Thread wächst exponential und in kürzester Zeit hat man die Mailingliste vorrübergehend unbrauchbar gemacht. Dieses Ergebnis würde übrigens durch Moderation noch verschlimmert, da es zusätzlich noch die Moderatoren lahmlegte.

Wie sähe ein souveräner und mediengerechter Umgang mit dieser Problematik aus? Dieser hat mehrere Facetten, zum Einen die kompetente Rezeption: Ich muss nicht alles lesen was in einer Mailingliste passiert. Wenn ich bekannte Trolle sehe kann ich diese getrost ignorieren, oder sie mir gar von meinen Filtern ausblenden lassen, oder auch Teilbäume einer Diskussion die von einem bekannten Störer gestartet werden kann ich mental oder automatisch ausblenden. (An dieser Stelle ist es überaus praktisch wenn der Troll als bekannt erkennbar ist und nicht gezwungen wird unter wechselnden Identitäten zu schreiben).  Teil zwei ist ebenso wichtig: Die aktive Kommunikation – oder auch Nicht-Kommunikation, je nachdem. Es reicht völlig wenn einer oder zwei dem Troll widersprechen, das muss nicht jeder einzeln tun. Selbstdisziplin ist dabei ein beliebtes Stichwort. „Es wurde schon alles gesagt, aber nicht von jedem“ – das braucht man nicht. Wichtig ist dass klar zu erkennen ist, dass diese Art Meinung keine Unterstützung findet – das zu erkennen ist aber viel einfacher wenn der Diskussionsfaden kurz ist. Ich würde da auch anregen eine Standardmail zur Stellungsnahme zu verfassen, und bin auch gerne bereit mitzuarbeiten. Das macht es einfacher die Diskussion kurz zu halten. „Unerwünscht. Wir distanzieren uns. Fertig.“

Mir wurden auf Twitter vorgeworfen durch meine persönliche Filteranwendung Stoppschildpolitik zu betreiben: Das ist Unsinn und kann nicht weiter an der Realität vorbeigehen. Mir als Rezipient kommt die Aufgabe zu die auf mich einstürmenden Informationen zu sortieren, zu kategorisieren, zu priorisieren, und schlussendlich zu verarbeiten um sie zu verstehen. Ob ich diese Auswahl nun selber von Hand treffe oder mir einen Teil dieser Arbeit nach von mir gewünschten Regeln abnehmen lasse ist unerheblich. Es ist meine ureigenste  Notwendigkeit zu filtern. Ich lese bei Mailinglisten auch nie alles, es sei denn ich langweile mich extremst, sondern picke mir die Diskussionen heraus die mich interessieren und mir einen Informationsgewinn versprechen, das ist ebenfalls Filterung und kann von Software unterstützt werden, z.B. indem bestimmte Schlüsselwörter eine Diskussion als wichtig anzeigen lassen.

Auch die Forderungen zeigen für mich deutlich dass anscheinend die technischen Bedingungen und vorallem Grenzen nicht verinnerlicht sind, und weisen auf fehlende Medienkompetenz hin. Wie im entsprechenden Abschnitt gezeigt sind Sperr- oder Moderationswünsche völlig illusorisch, da sie an der technischen Machbarkeit weit vorbeigehen. Mail ist als Medium schlicht nicht zuverlässig, sicher und verifizierbar genug um irgendetwas forcieren oder einschränken zu können, das sollte man wissen bevor man versucht ein Medium zu regulieren.

Der Wunsch juristiziable Mails von der Mailingliste fernzuhalten ist verständlich aber, wie ausgeführt, genauso illusorisch, auch der nachträgliche Rauswurf des Verfassers entfernt diese ausgelieferten Mails nicht, genauso wenig verhindert er dass erneut ähnliche Mails desselben Verfassers auf der Liste landen.

An mehreren Stellen wurde als Begründung für einen Rauswurf des Verfassers der Wunsch ein Zeichen zu setzen genannt. Auch das scheitert an den Gegebenheiten einer Mailingliste. Wird ein Teilnehmer der Liste entfernt wird das nirgends bekanntgegeben, alleine der Administrator und der Herausgeworfene selber wissen davon. Ein „Statement“ ist das daher nicht. Dafür muss man den Vollzug auf die Mailingliste schreiben, was meiner Erfahrung nach in vielen Fällen zu einer langen Diskussion über den erfolgten Akt der Moderation führen wird, und somit wiederum die Mailingliste belastet.

Mir wurde auch vorgeworfen ich würde das abgesonderte rechtsradikale Geseier verharmlosen, und dass ich das absondernde Subjekt einen Troll nenne würde zeigen wie wenig ernst ich das Thema nehme. Auch dem möchte ich mit Hinweis auf die kompetente Rezeption widersprechen. Ich habe mir Jotun/Captain und sein Kommunikationsverhalten angesehen, gschaut was er schreibt und wozu er sich äußert und habe den Eindruck gewonnen dass es ihm nicht um das Vertreten menschenverachtender Ansichten geht sondern um das Provozieren. Er gibt überall seinen Senf dazu wo Sprengpotential besteht und versucht auf viele mögliche Arten zu provozieren. Er artikuliert sich nicht hauptsächlich rechtsradikal, vielmehr habe ich den Eindruck dass er gemerkt hat dass rechtsradikale Polemik die meisten Beissreflexe auslöst und ihm daher das meiste Provokationspotential liefert

Fazit

Ich erlebe ein unangenehmes Comeback der Zensursuladebatte aus einer unerwarteten Richtung. Aufgrund einer minimalen „Bedrohung“ (Es handelt sich immerhin um einen einzigen Troll derzeit) wird die Regulierung eines Mediums gefordert dass das nicht hergibt, weil „man ja was tun“ müsse. Man möchte gerne ein Zeichen setzen, und fordert dafür Maßnahmen die wirkungslos sind und großes Schadpotential beherbergen. Und hier habe ich noch nicht einmal auf die soziale Komponente abgehoben, die dabei ebenfalls enormen Schaden nehmen würde. Wer meine Einschätzung dazu wissen möchte, ich kann dem gerne einen späteren Blogeintrag widmen.

Ich persönlich würde auf Moderations- und Rauswurfversuche verzichten und mich lieber via Disclaimer im Footer der Mailingliste und in Form einer Standardmail von menschenverachtenden Äusserungen distanzieren und bitte allerseits um mehr Selbstdisziplin und Souveränität beim Umgang mit Jotun und Konsorten.

Wenn wir jetzt anfangen unsere eigenen Arbeitsmittel zu zerstören haben die Trolle das erreicht was sie wollen, und wir haben verloren.